Grisebach freut sich, vom 26. März bis 4. Mai in der Fasanenstraße 25, Berlin, die Ausstellung „Gruppe Normal – Die anderen Jungen Wilden“ mit Bildern von Peter Angermann, Jan Knap und Milan Kunc, zu zeigen. Die drei Maler aus Oberfranken und der damaligen Tschechoslowakei trafen sich in den frühen 1970ern an der Düsseldorfer Kunst Akademie – im Umfeld der Klassen von Joseph Beuys und Gerhard Richter. Und gründeten dort 1979 die Gruppe Normal. Normal war an dieser Gruppe von Anfang an wenig. Sie lag und liegt bis heute auf irritierende Weise quer in der deutschen Nachkriegskunst. Was nicht zuletzt daran liegen mag, dass zwei der Protagonisten ihre Heimat nach der Niederschlagung des Prager Frühlings verlassen haben. Ihre politische, wie ästhetische Sozialisation unterschied sich notwendigerweise wesentlich von der Ihrer westdeutschen Mitstudentinnen und -studenten.
Auf Beuys‘ Aktionskunst antworteten sie mit einer ironisch gebrochenen Hinwendung – oder Rückkehr – zur Malerei. Einer Malerei allerdings, die mit den expressiven Bildern der sogenannten ‚Jungen Wilden‘ wenig gemein hatte, die dann ab dem Ende der 1970er über die Kunstwelt hereinbrachen. Dem Geniekult der Beuys‘schen Aktionen und der Unmittelbarkeit des künstlerischen Ausdrucks der Maler und wenigen Malerinnen vom Moritzplatz, der Mülheimer Freiheit oder der ‚Hetzler-Boys‘ setzten sie eine traditionelle Handwerklichkeit entgegen, die - zumindest auf den ersten Blick – Tradition und Eskapismus feierte. Ihre Bilder waren altmeisterlich und zugleich subversiv politisch. Sie hatten Humor oder wollten zumindest immer auch so gelesen werden. Dabei waren die Bilder vor allem eines nicht: Bad Painting, also dem Zeitstil entsprechen bewusst schnell und unkünstlerisch gemalt. Bei Angermann, Knap und Kunc treffen wir eine Heilige Familie beim Picknick, steht Omas Sofa im Weizenfeld und ist der Maler ein Herz mit Flügeln, umgeben von Panzern und Fabrikschloten. Nicht zuletzt war ihnen die Gruppe zugleich Kollektiv. Duzende Gemeinschaftswerke entstanden so in den wenigen Monaten der kollektiven Produktion. In verschiedenen Konstellationen arbeiten zwei oder alle drei Maler zusammen – gelegentlich wird das Trio noch durch den früh verstorbenen John Hummel ergänzt. Die Grenzen der Autorschaft werden befragt, aber nie gänzlich aufgelöst. Angermann, Knap und Kunc betreiben ihre malerische Recherche eher vergnügt spielerisch als konsequent dogmatisch.
Die Gruppe Normal verdankt dabei trotz - oder vielleicht gerade wegen - der bewussten Dissidenz, nicht wenig Beuys‘ und seinem neuen, aktionistischen Kunstbegriff. Ihre Bilder haben viel mit dem Einbruch des Politischen und der Jungendkultur der 1960er in die Kunst- und Bilderwelt ihrer Gegenwart zu tun und mit der Ambivalenz, die viele künstlerisch wie politisch interessierte Studentinnen und Studenten in jener Zeit umtrieb: Bilder malen zu wollen in einem Umfeld, das Malerei als überkomme bürgerliche Kunstpraxis ansah. Schon 1966 postulierte bekanntlich ein anderer Beuys-Schüller, Jörg Immendorff: „Hört auf zu malen“. Um dann doch zu den produktivsten Malern seiner Zeit zu werden. Das Ergebnis sind in der Folge (in den 1970ern beginnend und den 1980ern zum weltumspannenden Trend werdend) ganz unterschiedliche ironische gebrochene Kunst-Praxen und vielschichtige Bilderwelten.
Angermann, Knap und Kunc führen die scheinbar obsolete Malerei weiter, misstrauen und unterlaufen sie zugleich. Sie sind mit der Kunst von Pop, Minimal und Conceptual Art ebenso großgeworden wie mit Fluxus und den schon erwähnten Happenings ihres Professors an der Düsseldorfer Akademie. Das Ergebnis ist in Stil wie Inhalt vor allem eklektisch. Eine bis heute ebenso verstörende wie faszinierende Mischung aus Idylle und Gesellschaftskritik. Da wandert die Heilige Familie durch dystopische Industrielandschaften, blickt Ruhollah Chomeini bedrohlich vom TV-Bildschirm in ein Boheme-Zimmer samt Frauenakt, sitzen einsame Pinguine auf einer Hammer-und-Sichel-Eisscholle oder tanzt eine Tierparty aus dem Kinderbuch vor dem Atompilz im Bildhintergrund.
In Europa, vor allem in Deutschland, wurden sie schnell und mitunter bis heute unter Kitsch und Schlimmerem subsumiert. In New York hingegen nahmen sie 1980 neben Jean-Michel Basquiat, Kenny Scharf oder Keith Haring an der legendären Times Square Show teil. George Condo war in SoHo Ateliernachbar Milan Kunc‘ und kam mit ihm in den 1980ern nach Köln. Der Gruppe eignete gerade am Anfang ein stark internationaler Impetus, der ihre Kunst über ganz Europa vernetze.
Wie viele Künstlergruppen bleibt aber auch die Düsseldorfer Gruppe Normal nicht lange zusammen. Nach nur einem Jahr trennte man sich wieder, um die gemeinsamen künstlerischen Ideen selbstständig weiter zu verfolgen. In dieser kurzen Zeit entstehen allerdings atemberaubende und atemberaubend komplexe Gemeinschaftswerke. Diese bilden den Kern der Präsentation, mit der die Villa Grisebach, der bis heute nur wenig bekannten und zu wenig geschätzten Künstlergruppe, eine Bühne geben möchte. Der Boom der Malerei in den 1980ern wurde von Peter Angermann, Jan Knap und Milan Kunc gewissermaßen angestoßen und vorweggenommen. Grund genug, die Düsseldorfer Gruppe Normal nicht nur in ihrer historischen Bedeutung, sondern auch in ihrer Relevanz für aktuelle Malereidiskurse neu zu beleuchten.
Die Ausstellung wird kuratiert von
Dr. Martin Engler: art.works@gmx.de
und Dr. Anna von Ballestrem: anna.ballestrem@grisebach.com
/ +49 30 885 915 4490